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Bündnis für das Leben



Die Kraft der runden Tische - TA 16.10.2009
Kerstin Schön (52) gehörte zu den Initiatorinnen der Wende in Erfurt. Ihr Name ist verbunden mit der Besetzung der Stasi-Zentrale und der Gründung des ersten Frauenzentrums in Erfurt. 20 Jahre später setzt sie wieder auf die Kraft gemeinschaftlichen Handelns
- und hofft dabei auf Unterstützung.
Sie haben 1989 und danach Stadtgeschichte mitgeschrieben.
Warum sind Sie weggegangen aus Erfurt?
Ich hatte drei Gründe: Meine Hoffnung auf eine basisdemokratische Gestaltung der Gesellschaft nach 1989 hatte sich zerschlagen. Das ging nahtlos über in eine bundesdeutsche Scheindemokratie. Die von uns und von anderen initiierten Frauennetzwerke hatten im Zusammenwirken nicht die erhoffte gesellschaftliche Kraft. Der dritte Grund hatte mit meiner damaligen Arbeit zu tun. In meiner Praxis für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie betreute ich vornehmlich Frauen, denen Gewalt zugefügt worden war. Es wurden immer mehr. Und so kannte ich auch immer mehr Täter, die ungehindert weiter misshandeln konnten. Es gab keinerlei Instrumente, diese Gewalt zu beenden, weder in der Frauenbewegung noch im Parlament.
Sie zogen nach Schweden. Ich hatte einen Heilberuf. Ich suchte nach anderen Gesellschaftsentwürfen, nach Alternativen, nach Wegen des Heilens. In Schweden und in vielen anderen Ländern.
Haben Sie sie gefunden? Es waren interessante, erfüllte Jahre, ich lebte auch in Kanada, den USA und Neuseeland. In der Literatur und im Alltag suchte ich nach Erfahrungen verschiedener Völker und Kulturen mit Wegen des Heil-Werdens. Mich interessierte: Wie gehen anderswo auf der Welt Menschen mit Ungerechtigkeiten um, wie lässt sich Gewalt befrieden? Ich war bei Eingeborenen-Kulturen ebenso wie in der Friedensbewegung.
Mit welcher Erkenntnis? Mit der Erkenntnis, dass man von außen gar nichts heilen kann, dass man auf die eigene Kraft schauen muss. Die Kraft der Kreise, der Zusammenkünfte auf Augenhöhe. Nur so lassen sich Lösungen finden im Sinne eines Miteinanders. Das funktioniert aber nur, wenn die Menschen in den Kreisen nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Gemeinwohl im Sinn haben. Wie an den runden Tischen der Wende, wie im politischen Widerstand in der DDR.
Seit vier Jahren sind Sie wieder in Deutschland.
Ich lebe bei Hannover und habe in den letzten Jahren weiter geforscht, Bücher veröffentlicht, mich mit Kreisen beschäftigt. Und festgestellt: Eigentlich hat sich hier nichts geändert. Die Wunden der Gesellschaft sind unverändert. In der Gewalt gegen Frauen. In den sozialen Ungerechtigkeiten. In der Ökologie.
In der Ökologie? Wir sparen CO2 und beuten die Rohstoffe anderer aus. Wir bedienen uns. Die Rückstände der Atomindustrie werden schöngeredet. Die politisch Herrschenden versorgen sich selbst mit Diäten. Menschen in der Politik verdienen ein Vielfaches von Arbeitslosen. Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen 70 Prozent des Gesamtvermögens. Es gibt Altersarmut.
Und das wollen Sie alles ändern?
Die Menschen haben ein gestiegenes Problembewusstsein. Das würde uns zu effektivem Handeln befähigen, wenn wir zusammenkämen. Den Mut haben, einander die Hand zu reichen. Herauskommen aus der Resignation, nichts ändern zu können.
Wen wollen Sie mobilisieren? Die Zahl spielt nicht die entscheidende Rolle. Bei den Bundestagswahlen gab es 20 Millionen Nichtwähler, die offenbar nicht mehr daran glauben, dass unser politisches System etwas bewirken kann. 15 Millionen Menschen haben grün oder links gewählt, sie wollen soziale Gerechtigkeit. Wir sind selbst verantwortlich für die Welt, in der wir leben. Auf der Straße wird heute niemand mehr verhaftet. Aber es braucht Mut, für das eigene Glück aufzustehen. Und für das der anderen.
Wie könnte das geschehen? Dadurch, dass Menschen sich begegnen und miteinander reden. Im Rathaus und anderswo. Wünschenswert ist, dass möglichst viele Frauen und Männer kommen und einander mitteilen, was sie an Veränderungswünschen haben. Dass sie Selbstvertrauen entwickeln im gemeinsamen Finden von Lösungen für scheinbar Unlösbares. Am 7. November wollen wir uns 15 Uhr in der Stadtmission treffen und gemeinsam eine stadtweite Aktion vorbereiten. Sie wird am 4. Dezember um 8 Uhr beginnen mit einem Treff am Rathaus. Mit Frauen und Männern aller Altersgruppen, Glaubensrichtungen, Weltanschauungen.
Wir wollen die Missstände unserer Zeit benennen und beginnen, miteinander in Kreisen basisdemokratische Lösungen zu finden.
Für Frieden - in jeder Beziehung, Gerechtigkeit - für jede und jeden und die Bewahrung der Erde für alle.
Gespräch: Birgit KUMMER.