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Offener Brief - Gemeinschaftlich leben

Offener Brief:
Gemeinschaften - Lebensschulen für die Zukunft

Das Leben im Schoß der Stammesgemeinschaft war die Wiege der Menschheit und ist tief in uns als sozialen Wesen verwurzelt.
Ein Leben ganz ohne Gemeinschaft ist uns nicht möglich: ohne Kontakt und Kooperation würden wir seelisch und körperlich „verhungern". In diesem Sinne ist Gemeinschaft das Lebenselixier und Bindemittel allen gesellschaftlichen Lebens, der Wärmestrom unserer Geschichte, der uns die Kraft für das "dennoch" und "trotz alledem" gibt.
Die volle Entfaltung des Individuums ist ein Gemeinschaftsunternehmen. Hier können die Einzelnen ein Gegenüber finden, an dem sie selbst wachsen und Mitgefühl erfahren können.
Die heutige Gesellschaft eines globalen Marktes und einer gnadenlosen Ausbeutung von Mensch und Erde droht diese Wurzeln Stück für Stück auszureißen und gegen eine physische wie seelische Vereinsamung einzutauschen. So stehen die Menschen der reichen Gesellschaften nach einer weltweiten Untersuchung in ihrem Glücksempfinden denn auch weit hinter denen der armen Länder, in welchen noch stärkere soziale Bindungen vorhanden sind (Studie der London school of economics).
In einer Zeit, da die Sehnsucht nach einer globalen Politik der Hoffnung wächst und sich mehr und mehr Menschen auf diesem Planeten um den Aufbau dauerhafter, heilender und Frieden schaffender Kulturmodelle bemühen, ist das weltweit entstehende Netz der Gemeinschaften und Ökodörfer wie die Vorwegnahme einer gewünschten gesellschaftlichen Möglichkeit.
“Eine Weltkarte, auf der kein Utopia verzeichnet ist, ist es nicht wert, angeschaut zu werden, denn es fehlt das Land, in dem die Menschheit immer ankommt. Vorwärts zu gehen ist die Realisation von Utopien.”
Oscar Wilde, 1890
Weltweit gibt es heute ca. 25 000 Gemeinschaftsprojekte, in denen Hunderttausende Menschen kooperativ zusammenleben. In der Datenbank von “Eurotopia” - dem europäischen Gemeinschaften- und Ökodorfverzeichnis etwa - werden 1450 Projekte beschrieben, davon 400 in Deutschland. Die Internetpräsentation der Thüringer Zweigstelle des Bundesverbandes für gemeinschaftliches Wohnen weist mehr als 30 Thüringer Nachbarschaftsprojekte und Gemeinschaften aus.
Wenn sich Menschen aus freiem Entschluss zu solchen „Wahlverwandtschaften“ zusammenfinden, dann bemühen sie sich darum, gemeinsame Werte erfahrbar und lebendig werden zu lassen. Zu diesen zählen u.a.:
- gemeinsam Verantwortung zu tragen für die ihnen anvertrauten
Lebensgrundlagen; zur Achtung von Natur und Erde zurück-
zufinden und zu einem sorgsamen Umgang mit allem,
was aus ihnen hervorgeht,
- Selbstverantwortung, Selbsthilfe und Selbstverwaltung als
grundlegende Prinzipien auf allen Ebenen des Zusammenlebens
von der Kindheit bis ins hohe Alter zu entwickeln,
- ein generationenübergreifendes Zusammenleben zu
verwirklichen, welches nicht nur den Erwachsenen, sondern
insbesondere auch den Kindern eine Vielzahl von Bezugs-
personen bietet,
- familiennahe Arbeitsplätze zu schaffen, die speziell auch für
die Kinder wieder einen Einblick in die Arbeitswelt ermöglichen
und diese damit sichtbar und begreifbar machen,
- sozial und ökologisch verantwortbare Wohn-, Lern- und
Arbeitsbedingungen zu entwickeln,
- verstärkt regenerative Energien wie Sonne und Wind sowie
nachwachsende Rohstoffe zu verwenden und damit den
Verbrauchs an natürlichen Ressourcen einzuschränken,
- eine weitgehende Selbstversorgung zu erreichen und sich
vorrangig in regionalen Wirtschaftskreisläufen zu engagieren,
- eine soziale Kompetenz zu entwickeln, mit deren Hilfe es gelingt,
Spannungen und Konflikten durch gute, friedvolle
Kommunikation schon ihrer Entstehung entgegen zu wirken,
- die Wertschätzung der anderen für ihr Anderssein zu üben.

Die Bandbreite der verwirklichten bzw. im Aufbau befindlichen Initiativen reicht dabei von der Sanierung denkmalgeschützter Bausubstanz bis zur Entwicklung ökologisch wegweisender Neubauten, vom Aufbau landwirtschaftlicher Betriebe, Hofläden, Werkstätten und Büros bis hin zur Schaffung von Gesundheits-Zentren und Hospizen, von der Gründung von Waldkindergärten bis zum Entstehen alternativer Schulprojekte.

Mit ihrem Augenmerk für eine sozial verantwortliche und ökologisch bewusste Umsetzung ihrer Vorstellungen von selbst bestimmtem Leben stellen Gemeinschaften hierzulande gerade für die strukturschwächeren der sie beherbergenden oder benachbarten Gemeinden wichtige Impulsgeber dar. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der überwiegend positiven Akzeptanz und der Unterstützung durch die NachbarInnen und verantwortlichen PolitikerInnen des örtlichen und regionalen Umfelds wieder.
Viele Gemeinschaften sind denn auch gerade an solchen Orten entstanden, welche einst die kulturellen oder ökonomischen Zentren der jeweiligen Kommunen und Landkreise bildeten – etwa in brach liegende Gutshöfen und Schlössern, Schulgebäuden und Kasernen, Fabriken und Bauernhöfen. Eng verbunden mit Geschichte und Gestalt der Landschaft, des Dorfes oder des Stadtquartiers bilden solche Orte ein wertvolles Potential für kreative Neubestimmung und dringend nötiges Engagement für die drängenden Fragen unserer Zeit.

Wir fordern daher die PolitikerInnen des Landes, der Landkreise und Kommunen auf, Immobilien und Ländereien, welche sich in öffentlichem Besitz befinden, zu günstigen Konditionen an Menschen weiter zu geben, welche sie auf eine zeitgemäße, dem Leben dienende Weise revitalisieren wollen. Schaffen Sie die Grundlage für das verstärkte Entstehen von Nachbarschaft und Gemeinschaft in Thüringen! Helfen Sie mit, Lebensschulen für die Zukunft zu entwickeln!

Bündnis für das Leben
Projektkreis Gemeinschaftlich Leben

Kontakt:
Thomas Meier – atelierintervention@yahoo.de – fon: 036450-44057
Sabine A. Fabian – info@kraft-der-kreise.de – fon: 05262-6189595