Allgemeines

WENDE?


Ein Ehepaar sitzt in einem Bummelzug. An jeder Station WENDEn sie den Kopf aus dem Fenster, lesen den Ortsnamen und stöhnen auf. Nachdem das mehrere Stationen so geht, fragt sie besorgt ein gegenüber Sitzender: „Haben Sie Schmerzen? Sie stöhnen immer wieder so Mitleid erregend!“ Der Mann antwortet: „Eigentlich müssten meine Frau und ich aussteigen. Wir fahren die ganze Zeit
in die falsche Richtung. Aber hier ist es so schön warm im Zug!“ -
Manche Leserin und mancher Leser mag sich in dieser kleinen Episode
wiedererkennen, denkt sie oder er an Bereiche des eigenen Lebens.
- Wir wissen, dass wir eine WENDE herbeiführen müssten, denn wir mögen es nicht, dass wir selbst und die Menschen um uns herum in Beziehungen immer mehr verarmen, aber solange uns im verbleibenden Rest von Beziehungen „so schön warm ist“, träumen wir allenfalls von einer WENDE, ohne uns ernsthaft zu engagieren.
- Wir mögen es nicht, dass viele Menschen in unserem Land und in der Welt auch materiell immer ärmer werden, während andere sich unverschämt bereichern, aber so lange uns in unserem eigenen Rest-Wohlstand „so schön warm“ ist, fällt uns der öffentliche Protest und der Ruf nach ernsthafter WENDE schwer.
- Wir mögen es nicht, dass bis heute niemand auf der Welt weiß, wo der Atommüll endgelagert werden kann, der bei der Erzeugung von Wärme und Energie entsteht. Aber so lange die eigene Wohnung jetzt im Herbst und kommenden Winter „so schön warm“ ist, erträumen wir zwar für die ächzende Umwelt eine WENDung, doch sind froh, andere dafür verantwortlich machen zu dürfen, dass sich Nichts WENDEt.
Dabei wissen wir es und haben es zum Teil miterlebt und mitgemacht,
es gibt sie! Die große Wende ist durchaus möglich! Beispielsweise hat sich vor zwanzig Jahren die politische Lage in Ostdeutschland und daran anschließend auch in Westdeutschland geWENDEt. Überglücklich begrüßten Millionen Menschen das Wunder wieder gewonnener Freiheit. Die, die wachsenden Wohlstand erleben und unterschiedlichste Erfahrungen auf ihren vielen, freien Reisen um die ganze Welt machen durften und dürfen, genießen bis heute diese WENDung ihres Lebens. Andere, deren Leben sich nicht so glücklich wendete und WENDEt, da sie Arbeit und Anerkennung verloren haben, eingesperrt sind in den neuen Grenzen von Geldknappheit, mögen sich im Zug von „Hartz IV“ noch einigermaßen „warm“ fühlen, doch längst wissen sie und stöhnen mit Recht:
sie sitzen schon wieder im falschen Zug.
Doch wo sollen sie aussteigen?
Die neue Regierung spricht in dieser, auf eine neue, große Wende wartender Zeit, von politischer WENDE und endet in Paradoxien.
- Steuererleichterungen werden versprochen. Gleichzeitig nehmen finanzielle Anforderungen in allen Gesellschaftsbereichen zu. Ebenso wachsen die Schuldenberge.
- Größere finanzielle ZuWENDungen werden den Hartz-IV Empfängern versprochen, während die immer kleiner werdenden Mogelpackungen der Konsumindustrie übermäßig teurer werden.
- Größere Unterstützung für alternative Energiegewinnung wird zugesagt. Gleichzeitig wird die Verlängerung von Laufzeiten für Atomkraftwerke angestrebt.
- Größere Kontrolle des Kapitalmarktes wird versprochen und anvisiert, während dieser längst wieder ins globale Roulettespiel zurückgekehrt ist. Einzelne gewinnen bereits wieder Millionen im Intercity der globalen
Finanzspekulationen, während die Mehrheit der zuschauenden Bevölkerung – keine 10 Prozent sind Aktienbesitzer - ungläubig staunend feststellt, dass sie mit Milliarden von Schulden zurückbleibt, obgleich sie dafür nicht verantwortlich ist.
Und die, die die neue große politische Wende versprochen haben, haben längst wieder den WENDEmantel übergezogen, haben sich im schnellen WENDEmannöver mit ihren Schnellzügen und Jets wieder der weiten Welt des Außenministeriums, der geheimnisvollen, verborgenen Welt des Kanzleramts oder bayrischen Gefilden
zugeWENDEt. Wir, die wir unsere Blicke Hilfe und Hoffnung suchend umherWENDEn, werden in den Medien passend dazu gern mit zwanzig Jahre alten WENDEgeschichten vertröstet: „Weißt Du noch damals…: Wir sind das Volk!?“
Gleichzeitig werden wir erinnert, uns auch ja impfen zu lassen, damit wir nicht krank werden und in Zeiten des Nachdenkens bemerken, dass um uns herum längst Alles krank ist, Umwelt und Natur genauso wie der Welthandel und die Geldwirtschaft.
Und so bummelt unser Lebenszug Hilfe suchend dahin, während Banker und Geschäftsleute vorne im Intercity des globalen Wandels und Handels ihr eigenes Leben längst wieder genießen „auf Teufel komm raus!“ Dass es teuflisch werden könnte, mit uns und unserer Welt, wer von uns will das leugnen?
Frage eines Journalisten an Mutter Theresa:
Was meinen Sie, was sich in der
Kirche ändern sollte?“ Ihre Antwort: „Sie und ich!“
Was meinen wir, was sich in unserem Land ändern sollte?

K. Brüggemann, Pastor